Ich benutze schon seit einigen Jahren Logseq für persönliche Notizen. Was mir dabei besonders sympatisch war waren Markdown-Dateien und die Möglichkeit, alles in in ein git-Repositorium zu speichern. Am Anfang gab es noch sehr regelmäßig neue Versionen, aber dann wurde die Entwicklung immer langsamer und der Fokus wurde immer mehr auf die Datenbank-Version gelegt. Schließlich wurde Anfang des Jahres die Markdown-Version in „OG“ umbenannt und der Stecker da komplett gezogen (bis auf Sicherheits-Updates). Wegen des etwas exotischen Technologie-Stacks von Logseq (ganz viel Clojure) ist direktes forken nicht trivial und hat eine geringe Erfolgsaussicht, so dass ich mich nach Alternativen umgeschaut habe.
Fündig geworden bin ich an einer Ecke mit der ich nicht gerechnet hätte: Im Neuland¹ der AI. Tine ist eine Alternative, die mit einem Logseq-Markdown-Graph arbeitet – im Zweifel sogar parallel. Seit der Veröffentlichung von Version 0.1.0 Ende Juni 2026 hat sich eine Menge getan – es gibt (in Bereichen) mehr Features und Tine ist mit einer Rust-Basis deutlich schneller. Allerdings sagt der (eine!) Autor: „Tine is vibe-coded — built by Claude Code, with help from Codex, under human direction and review. We're not hiding that, and we're not making a thing of it either; it's simply how Tine is made.“ Das Ergebnis ist beeindruckend, aber der Prozess ist wirklich komplett anders als alles was ein alter Mann gewohnt ist. So werden im Github keine Pull-Requests angenommen, sondern nur Bug-Reports.
Ich muss zugeben dass ich hin und hergerissen bin – einerseits ist es erstaunlich, das in so kurzer Zeit so viel erreicht werden kann, andererseits ist es auch erschreckend. Das ist wirklich ein Umbruch, und entsteht tatsächlich nützliche freie Software von verblüffender Qualität. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal von Tine, ein anderes Beispiel – an das ich mich aber noch nicht getraut habe – wäre Firewallfabrik, der den Versuch darstellt, den schon lange verlassenen fwbuilder mit Python und QT neu zu bauen. Da kann sich mit offenem Code und git Unterstützung etwas gesundes und vertrauenswürdiges entwickeln. Dagegen spricht, dass die Mengen von Code, die so erzeugt werden, nicht realistisch geprüft werden können – wobei die Ausage „der Code kann von allen gelesen werden und ist deshalb sicher“ in meinen Augen eine verbreitete Selbsttäuschung ist. Eine Selbsttäuschung, die in der Praxis allerdings dazu führt, dass es tatsächlich viel gute Software gibt.
Was in meinen Augen tatsächlich verwerflich ist sind die Versuche, aktiv entwickelte Closed Source Software mit Vibe-Coding nachzuäffen (Stichwort: Photoshop).
PS: In der Logseq-DB Version wird auch eifrig gevibecodet, weil es so viel schneller sei. Der Release-Takt kann aber mit Tine nicht mithalten.
Fußnoten
¹ Auf, auf, Pseudoelite! Sich über den Begriff Neuland lustig zu machen ist seit 13 Jahren das Hobby aller Besserwisser, bei denen schon vor 13 Jahren das Internet fertig war und die schon immer alles darüber wussten.